von Dr.-Ing. Andreas Stowasser | Freitag, 11 April, 2014 | Ingenieurbiologie - Erfolgskontrolle, Ingenieurbiologie - Vegetationsentwicklung
Fast ein Jahr ist seit der naturnahen Umgestaltung des Wiesengrundbachs vergangen. Zwischen Oktober 2012 und April 2013 wurde dem Wiesengrundbach ein neues Gewässerbett gegeben. Der neue, fast 1 km lange Verlauf in der ausgedehnten Wiesenfläche westlich von Klingenberg orientiert sich dabei an der Tiefenlinie im Gelände und entspricht vermutlich dem historischen Gewässerverlauf.
Ehemals begradigt und mit Rasengitterplatten befestigt wurde der alte Verlauf des Wiesengrundbachs nach der Entfernung der Rasengitterplatten teilweise verfüllt. Nur Teilabschnitte blieben erhalten und dienen nun als Vernässungsbereiche und Stillwasserbiotope.
Durch die Gewässerverlegung hat der Wiesengrundbach nun wieder ein naturnahes Bett aus dem er aufgrund des flachen Gewässerprofils auch bei geringfügig erhöhter Wasserführung in die angrenzenden Wiesenflächen ausufern kann. Entlang des Baches entstehen ausgedehnte Vernässungsflächen. Vorhandene Nasswiesenflächen wurden erhalten und in den neuen Bachverlauf bzw. die Gewässerrandstreifen einbezogen.
Bei der Profilierung des Gewässerlaufs wurde von Anfang an auf möglichst viel eigendynamische Entwicklung gesetzt, d. h. es wurde nur vorprofiliert, den Rest „erledigt“ der Wiesengrundbach selbst. So sind innerhalb kürzester Zeit zahlreiche naturnahe Strukturen wie Gleitufer, Kolke, Sedimentbänke, Rohbodenflächen etc. entstanden.
Ingenieurbiologische Bauweisen wurden nur punktuell eingesetzt. Zum einen zur Schaffung erster Strukturen wie Weidengebüsche oder Totholz, zum anderen zur Verhinderung einer Sohleintiefung im Anfangsstadium der eigendynamischen Entwicklung. Hierzu wurden in Abschnitten mit größerem Gefälle Sohlriegel aus Rasensoden eingebaut. An diesen wird einsetzende Tiefenerosion gebremst, ohne dabei die Dynamik insgesamt nennenswert einzuschränken.
Nur im Übergang zwischen neuem und bestehendem Bachbett wurde zur Überbrückung eines stärkeren Sohlgefälles eine Rampe aus Totfaschinen mit seitlicher Sicherung aus Weidenspreitlagen eingesetzt.
Alle ingenieurbiologischen Bauweisen haben sich im letzten Jahr sehr gut entwickelt und sind gut angewachsen. Durch Sukzession entwickelt sich auf den ehemaligen Rohbodenstandorten spontane Gehölzbesiedelung aus Schwarzerle und Weiden.
Das Hochwasser vom Juni 2013 hat die eigendynamische Entwicklung unterstützt, nur vereinzelt musste im Bereich einer landwirtschaftlichen Überfahrt nachgearbeitet werden. Bereits jetzt kann aufgrund der bisher entwickelten Strukturen im Sinne der EG-Wasserrahmenrichtlinie von einem potenziellen Strahlursprung ausgegangen werden. Das Selbstreinigungsvermögen des Wiesengrundbachs hat sich deutlich verbessert.
von Dr.-Ing. Andreas Stowasser | Montag, 17 März, 2014 | Aktuelles, Ingenieurbiologie, Ingenieurbiologie - Bauausführung
Am Ende der Vegetationsruhe – also genau in den Monaten März und April ist die beste Zeit für den Einbau ingenieurbiologischer Bauweisen. Die lebenden Pflanzen und Pflanzenteile, die mit den Bauweisen eingebracht werden, können mit Beginn der Vegetationszeit direkt nach dem Einbau anfangen auszutreiben und zu wachsen. Der Wirkungsgrad der Bauweise nimmt beständig und in sehr kurzer Zeit zu! Das kritische Initialstadium – also der Zeitraum, den Bauweisen benötigen, bis sie ihre volle Wirkung erreicht haben – ist dank der meist guten Wachstumsbedingungen im Frühjahr entsprechend kurz. Ausgeglichene Temperatur- und Feuchteverhältnisse kennzeichnen diesen Zeitraum und lassen damit gute Aussichten für ein erfolgreiches Anwachsen der ingenieurbiologischen Bauweisen zu.
„JETZT ist die beste Zeit zu bauen! – Wir bauen, Sie auch?“
Ein sehr interessantes Projekt unseres Büros Stowasserplan, bei dem derzeitig ingenieurbiologische Bauweisen zum Einsatz kommen, befindet sich in Dresden Zschieren. Dort nimmt ein neuer, fast 1,5 km langer Elbseitenarm zunehmend Gestalt an. Der Elbseitenarm ist eine der wichtigsten Ausgleichsmaßnahmen für den Bau der Waldschlößchenbrücke in Dresden. Ingenieurbiologie dient dort zur Ufersicherung und Uferstrukturierung.
Eingebaut werden große Lebendbuhnen, deren Material aus der Pflege der angrenzenden Kopfweiden gewonnen wurde. Die Buhnen schützen nicht nur das Ufer, sondern dienen sofort nach ihrem Einbau auch als Fischunterstände und Strukturelemente. Kaum zu glauben, aber in wenigen Wochen werden sich aus den Buhnen Weidengebüsche entwickelt haben!
Neben den Buhnen werden auch weitere Lebendbauweisen eingebaut: Begrünte Steinschüttungen in besonders durch Erosion gefährdeten Bereichen – Faschinen, Steckhölzer und Weidensetzstangen in Abschnitten, in denen mehr Eigendynamik zugelassen werden kann.
Die Fotos vom aktuellen Baugeschehen zeigen die noch nicht ausgetriebenen Bauweisen. Hier wird in den nächsten Wochen viel Grün entstehen – da kam der Regen der letzten Tage genau richtig! Das Einzige, was noch gravierende Einschränkungen auf das Wachstum der Weiden haben kann, ist der Appetit des Elbebibers! Mal sehen, wie schnell der neue Lebensraum mit für ihn reich gedecktem Tisch besiedelt wird …
von Dr.-Ing. Andreas Stowasser | Donnerstag, 26 September, 2013 | Aktuelles, Ingenieurbiologie - Erfolgskontrolle, Ingenieurbiologie - Vegetationsentwicklung, Literatur
Acht Jahre nach Baubeginn der Maßnahmen zur naturnahen Umgestaltung des Kaitzbachs zwischen Altkaitz und Mockritz in Dresden hat sich aus den ingenieurbiologischen Bauweisen ein stattlicher Ufergehölzbestand entwickelt.
Es ist kaum zu glauben – nach nur acht Jahren entwickelten sich aus Weidensteckhölzern und Lebendfaschinen über 10 m hohe Baumweiden! Aber der Reihe nach: Von September bis November 2005 wurde der ca. 160 m lange Abschnitt des Kaitzbachs als Ausgleichsmaßnahme für den Ausbau der B 170 als Zubringer zur A 17 naturnah umgestaltet. Als Initialmaßnahmen zur Entwicklung eines Gewässer begleitenden Gehölzbestands und zur abschnittsweisen Ufersicherung kamen Weidenspreitlagen, Faschinen auf Lagenbauten, Lebendfaschinen und Weidensteckhölzer zur Anwendung. Im Frühjahr 2006 wurden einzelne Flechtzäune sowie zur Fließrichtung geneigte Lebendfaschinen im Rahmen eines DWA-Nachbarschaftstages eingebaut.
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- Nach nur acht Jahren entwickelten sich aus Weidensteckhölzern und Lebendfaschinen über 10 m hohe Baumweiden.
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- Weidentriebe im Unterholz haben nur noch sehr schlechte Wuchsbedingungen, mit der Zeit werden sich die Schlusswaldarten im Bestand durchsetzen.
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- Derzeit ist eine Vielzahl von mehrjährigen Eschen (Fraxinus excelsior) im Unterstand zu beobachten.
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- Das Ergebnis - Ein strukturreicher Bach mit intaktem Ufergehölzbestand.
Weitere Informationen dazu auf der Seite des DWA-Landesverbandes Sachsen/Thüringen: Mitglieder-Rundbrief 29 vom Oktober 2006
Die Fertigstellungspflege der ingenieurbiologischen Bauweisen endete im Herbst 2006. In den Jahren 2007 und 2008 wurden selektive Gehölzpflegemaßnahmen zur Förderung der stärksten Weidentriebe als Zukunftsbäume durchgeführt. In diesem Zusammenhang fand im März 2008 erneut ein DWA-Nachbarschaftstag zum Thema „Pflege ingenieurbiologischer Bauweisen“ statt. Mit dem Ende der Entwicklungspflege im Herbst 2008 wurde der Gewässerabschnitt an die Landeshauptstadt Dresden als Gewässerunterhaltungslastträger übergeben.
An den aus ingenieurbiologischen Bauweisen hervor gegangenen Weidenbeständen wurden seither keine Pflegemaßnahmen mehr durchgeführt. Dies ist auch gar nicht nötig, die Weiden haben die weitere Entwickung untereinander geregelt. So haben sich inzwischen die im Zuge der Entwicklungspflege geförderten Zukunftsbäume vollends durchgesetzt:
Aus kleinen (fünf bis acht cm starken und ca. vier bis fünf Meter großen) Weidentrieben sind Baumweiden von 10 bis 15 m Höhe mit bis zu 30 cm Durchmesser herangewachsen. Durch den Konkurrenzdruck und die Beschattung der Baumweiden, haben Weidentriebe im Unterholz nur noch sehr schlechte Wuchsbedingungen. Dies eröffnet den Schlusswaldarten der Potenziell Natürlichen Vegetation (PNV) die Möglichkeit, in den Bestand einzuwandern.
Derzeit ist dies sehr schön durch eine Vielzahl von mehrjährigen Eschen (Fraxinus excelsior) im Unterstand zu beobachten. Diese werden im Laufe der Zeit durchtreiben und ihren Platz im Ufergehölzbestand einnehmen. Durch Femelschläge und damit verbundenes Reduzieren der Weiden können die Eschen gefördert werden, damit der Arten- und Strukturreichtum des Ufergehölzbestands weiter zunimmt.
Das gelungene Beispiel am Kaitzbach zeigt, wie das Prinzip der systematischen Pflegeabfolge bei ingenieurbiologischen Bauweisen zum einen standortgerechte Ufergehölzbestände entwickelt und zum anderen Unterhaltungsaufwand reduzieren hilft.
Nähere Informationen zu diesem Thema finden sich in folgenden Fachartikeln sowie im Modul SOFIE® – INFO im SOFIE® Portal.:
Fachartikel „Pflege und Entwicklung von Ufergehölzbeständen aus ingenieurbiologischen Bauweisen“
von Dr.-Ing. Andreas Stowasser | Montag, 19 August, 2013 | Aktuelles, Gewässerentwicklung, Hochwasserschutz, Umweltrechtliche Aspekte
Seit dem letzten „Katastrophenhochwasser“ vom Juni 2013 wurde viel über Art und Weise, Sinn und Unsinn des anstehenden Wiederaufbaus bzw. der Hochwasserschadensbeseitigung diskutiert.
Mit dem Erlass zum Wiederaufbau fordert nun das Sächsische Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft (SMUL) eine „nachhaltige Schadensbeseitigung“:
„In diesem Sinne ist dafür Sorge zu tragen, dass die Hochwassergefahr und künftige Schäden so weit wie möglich minimiert werden, insbesondere indem abflussbehindernde Strukturen und Anlagen nicht wieder hergestellt und bauliche Anlagen sowie Infrastruktureinrichtungen aus dem gefährdeten Bereich verlegt oder zumindest hochwasserangepasst ausgeführt werden. Letzteres gilt auch im Zusammenhang mit hohen Grundwasserständen („Grundhochwasser“).“
folgende Grundsätze gehen aus dem Erlass hervor:
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Veränderte Gewässerbetten sind in ihrem durch das Hochwasser geschaffenen Zustand zu erhalten
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Ufermauern sind nicht wiederherzustellen
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In Gewässerrandstreifen sind abflusshindernde Strukturen und Anlagen ebenfalls nicht wiederherzustellen
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Anlagen in, an, unter und über oberirdischen Gewässern, die zur Verschärfung der Hochwassersituation beigetragen haben, dürfen allenfalls in hochwasserangepasster Form wiederhergestellt werden
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Auch Wasserkraftanlagen, die zur Verschärfung der Hochwassersituation beigetragen haben, dürfen allenfalls in hochwasserangepasster Form wiederhergestellt werden
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Öffentliche Abwasseranlagen und Wasserversorgungsanlagen dürfen an Ort und Stelle nur in hochwasserangepasster Form wiederhergestellt werden
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Bei öffentlichen Hochwasserschutzanlagen sind Alternativen zu einer Wiederherstellung zu prüfen
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In ausgewiesenen Überschwemmungsgebieten dürfen bauliche Anlagen nur nach Maßgabe des § 78 Abs. 3 WHG wiederhergestellt werden
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In überschwemmungsgefährdeten Gebieten sollten bauliche Anlagen nur risikoangepasst wiederhergestellt werden
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Auch in Gebieten mit hohen Grundwasserständen („Grundhochwässer“) sollten bauliche Anlagen nur risikoangepasst wiederhergestellt werden.
Alles in allem sind damit die Leitlinien zum Wiederaufbau und für die Schadensbeseitigung klar: Mehr Naturnähe und Platz für Sachsens Flüsse und Bäche helfen, zukünftige Hochwasserschäden zu reduzieren oder zu vermeiden.
Ich hoffe, die damit verbundenen Chancen für lebendige Fließgewässer werden von allen Beteiligten genutzt!
Wer es gern genauer wissen möchte, findet hier den Erlass zum Wiederaufbau des SMUL.
von Dr.-Ing. Andreas Stowasser | Freitag, 12 Juli, 2013 | Aktuelles, Gedanken und Anregungen, Gewässerentwicklung, Hochwasserschutz, Literatur
Urlaubszeit hin oder her – das Thema Hochwasserschutz lässt uns zur Zeit nicht los. Egal ob es um akute Schadensbeseitigung, die Diskussion über die richtigen Schutz- und Präventionsmaßnahmen oder sogar Berichte über anstehende Umsiedlungen von Hochwasseropfern entlang der Elbe geht.
Diese Woche bin ich auf eine sehr anschauliche und fundierte Veröffentlichung des Regionalen Planungsverbandes Oberes Elbtal / Osterzgebirge aufmerksam geworden: „Mit Sicherheit wächst der Schaden? Überlegungen zum Umgang mit Hochwasser in der räumlichen Planung“. Hier werden sehr viele Fakten und Argumente zur Versachlichung des heißdiskutierten Themas geliefert.
Kernaussage: „Wer sich dem Fluss angepasst hat, dem schadet Hochwasser nicht“.
Wir ahnen es schon: Gewässerentwicklung und Hochwasserschutz passen sehr gut zusammen – in der Broschüre wird dazu ein integrativer Planungsansatz zum Umgang mit Hochwassergefahren und Hochwasserrisiken vorgestellt. So manche Diskussion würde wesentlich konstruktiver und zielgerichteter verlaufen, wenn wir alle die Fakten dieser kleinen Broschüre verinnerlicht hätten.
Ferienzeit ist Lesezeit …
… zum Abschalten und den Blickwinkel ändern! Wer die Zeit findet, sich mit der Broschüre zu beschäftigen, kann nach den Ferien gut erholt und informiert mit frischen Wind wieder in die Diskussion einsteigen. Ich wünsche allen Gewässerfreunden einen wunderbaren Sommer, maximale Erholung und weiterhin viel Kraft für unsere schönen Gewässer!
Die Veröffentlichung steht unter der Website des Regionalen Planungsverbandes Oberes Elbtal/ Osterzgebirge zum freien Download bereit!