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Dieser Beitrag ist Teil der Serie „Dürre 2026 – Was wir tun können“ auf dem Gewässerblog. Den Auftakt bildete unser Erfahrungsbericht vom Bauseminar am Haselbach.

5 Zentimeter Pegel – und ein Fluss, der Deutschland teilt

Am 14. August 2026 fiel der Pegelstand am Rhein bei Kaub auf sechs Zentimeter. Wenige Tage später waren es nur noch fünf. Zum Vergleich: Der bisherige Rekordtiefstand lag bei 25 Zentimetern – gemessen im Oktober 2018. Der aktuelle Wert unterschreitet diesen Rekord um 20 Zentimeter.

Was das bedeutet, lässt sich an einer einzigen Zahl ablesen: An acht Messstellen entlang des Rheins lagen die Pegelstände unter zehn Zentimetern. In Düsseldorf rutschte der Pegel in den Negativbereich. Der Binnenschifffahrtsverband BDB erklärte die Zweiteilung des Rheins für vollzogen – zwischen Koblenz und Mainz war gewerbliche Schifffahrt zeitweise nicht mehr möglich. Kein Gütertransport, keine Ausflugsschiffe, keine Kreuzfahrten.

Ein Wirtschaftsproblem ersten Ranges

Der Rhein ist die wichtigste Wasserstraße Deutschlands. Rund 80 Prozent des Containerumschlags in der Binnenschifffahrt laufen über den Rhein oder seine Nebenflüsse. Wenn der Fluss ausfällt, trifft das nicht ein Unternehmen – es trifft Lieferketten, Industriestandorte und Verbraucher gleichermaßen.

Frachtschiffe konnten den Mittelrhein nur noch mit drastisch reduzierter Ladung befahren, was die Transportkosten massiv in die Höhe trieb. Mehrere Bundesländer setzten das LKW-Sonntagsfahrverbot aus, um den Güterverkehr über die Straße zu ermöglichen. Volkswirte schätzen, dass das Bruttoinlandsprodukt im dritten Quartal 2026 um 0,1 bis 0,2 Prozentpunkte gedämpft wird. Bei der vergleichbaren Niedrigwasserlage 2018 lag der volkswirtschaftliche Gesamtschaden bei 2,4 Milliarden Euro – für 2026 rechnet die Branche mit einer höheren Summe.

Und dann brannte das Hohe Venn

Während der Rhein austrocknete, brach am 14. August im belgischen Hohen Venn der größte Flächenbrand in der modernen Geschichte Belgiens aus. Innerhalb von zwei Tagen breitete sich das Feuer auf rund 3.000 Hektar aus – eine Hochmoor- und Heidelandschaft, die metertief unter der Erdoberfläche brannte und deshalb kaum zu löschen war.

Das Feuer bewegte sich in Richtung der deutschen Grenze. In Kalterherberg wurden Bewohner evakuiert, in Monschau liefen Vorbereitungen. Die Bundeswehr unterstützte mit NH-90-Transporthubschraubern über den EU-Katastrophenschutzmechanismus. Die Rauchschwaden waren bis ins Saarland und nach Baden wahrnehmbar – hunderte Kilometer entfernt.

Gleichzeitig brannte es im Hürtgenwald in der Eifel, in Schramberg in Baden-Württemberg und an weiteren Standorten. Die Waldbrände sind kein isoliertes Wetterereignis. Sie sind eine direkte Folge desselben Wasserdefizits, das den Rhein austrocknet und die Landwirtschaft in die Krise treibt.

Dürre ist kein Einzelproblem – sie ist ein Systemversagen

Was die Gleichzeitigkeit von Niedrigwasser, Ernteausfällen und Waldbränden zeigt: Die Dürre 2026 ist keine Aneinanderreihung unglücklicher Zufälle. Sie ist Ausdruck eines gestörten Wasserhaushalts.

Jahrzehntelang haben wir Landschaften entwässert, Flüsse begradigt, Moore trockengelegt und Auen abgeschnitten. Das Wasser, das bei Regen fiel, wurde so schnell wie möglich abgeleitet. Jetzt, wo es nicht regnet, fehlt es überall gleichzeitig: im Boden, im Grundwasser, in den Bächen, in den Flüssen – und im Hochmoor, das eigentlich ein natürlicher Wasserspeicher sein sollte.

Die Antwort darauf kann nicht sein, einzelne Symptome zu bekämpfen. Felsen im Rhein zu sprengen, um die Fahrrinne bei Kaub zu vertiefen – wie es immer wieder diskutiert wird –, löst das Grundproblem nicht. Es verlagert es nur flussabwärts und verschärft die Eintiefung des Flussbettes langfristig weiter.

Was stattdessen nötig ist

Die eigentliche Antwort liegt stromaufwärts. In den Einzugsgebieten. In der Fläche.

Wenn wir Wasser in der Landschaft halten – durch naturnahe Gewässer, intakte Auen, Schwammlandschaften, Agroforststreifen und Sohlaufhöhungen – dann fließt in Dürrephasen mehr Grundwasser nach. Die Bäche führen länger Wasser. Die Flüsse bleiben schiffbar. Die Böden bleiben feucht genug, damit Vegetation nicht zur Brandlast wird.

Das ist kein Wunschdenken, sondern Physik. Und es funktioniert bereits dort, wo es umgesetzt wird.

Stowasserplan hat am Rhein selbst Erfahrung mit genau dieser Herangehensweise. In Zusammenarbeit mit der Bundesanstalt für Wasserbau (BAW) und dem Wasser- und Schifffahrtsamt Mannheim haben wir 2012 eine 1 km lange Versuchsstrecke für ingenieurbiologische Bauweisen am Rhein geplant und umgesetzt. 2016 bis 2018 folgte eine weitere 400 m lange Ufersanierung bei Karlsruhe-Daxlanden – naturnah gesichert mit lebenden Baustoffen statt Beton.

Diese Projekte zeigen: Selbst an der Bundeswasserstraße Rhein gibt es Alternativen zum rein technischen Ausbau. Die Frage ist nicht, ob es geht – sondern ob wir den politischen Willen aufbringen, die Wasserwirtschaft vom Symptom zur Ursache umzulenken.

Fazit: Es hängt alles zusammen

Niedrigwasser am Rhein. Futtermangel auf den Höfen. Waldbrände im Hochmoor. Das sind nicht drei verschiedene Krisen. Es ist eine einzige Krise – und sie heißt: gestörter Wasserhaushalt.

Die gute Nachricht: Wir wissen, was zu tun ist. In den nächsten Beiträgen dieser Serie werden wir zeigen, welche konkreten Maßnahmen Landwirte und Kommunen in ihrem lokalen Einzugsgebiet umsetzen können – und warum diese Maßnahmen nicht nur dem Gewässer helfen, sondern der gesamten Landschaft.

Weiterführende Beiträge auf dem Gewässerblog:

Spreitlage am Rhein bei Worms: Naturnahe Ufersicherungen funktionieren auch in großen Gewässern.
Uferfaschinen in die vorhandene begrünte Steinschüttung eingebaut. Acht Jahre nach Fertigstellung: naturnaher Uferbewuchs.
Uferfaschinen in begrünter Steinschüttung: Austrieb nach acht Jahren (2018)
Spreitlage auf 12 m Böschungslänge eingebaut: Entwicklungsstand nach acht Jahren (Einbau 2010)
Strukturelement aus Totholzstämmen kombiniert mit austriebsfähigem Astmaterial (Weiden) direkt an der Mittelwasserlinie
Dr.-Ing. Andreas Stowasser