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Totholz an Fließgewässern – wertvoll oder störender Unrat?

Totholz an Fließgewässern – wertvoll oder störender Unrat?

Was auf den ersten Blick nach Wegräumen ruft, ist zentrales Element lebendiger Gewässerökosysteme: Totholz. Abgebrochene Äste, tote Wurzelstöcke oder umgestürzte Bäume prägen die Struktur naturnaher Fließgewässer entscheidend. Sie bremsen die Strömung, lenken sie um und sorgen so für Kolke und Kiesbänke. Auf diese Weise entstehen vielfältige Lebensräume. Fische finden darin Deckung, Insekten siedeln sich an und Mikroorganismen zersetzen das Holz zu Nährstoffen.
Trotz dieser ökologischen Bedeutung wird Totholz vielerorts kritisch gesehen. Unterhaltungspflichtige befürchten Abflussbehinderungen und Schäden bei Hochwasser. Manch einer empfindet ein „aufgeräumtes“ Bachbett als einzig richtig. Doch gerade die scheinbare Unordnung ist Ausdruck natürlicher Dynamik und ein Zeichen für ein lebendiges, sich selbst entwickelndes Gewässer.

Was ist Totholz?

Totholz entsteht durch Sturmschäden, Schneelastbruch, Uferabbrüche oder altersbedingtes Absterben von Ufergehölzen. Dabei kann es sich um einzelne Äste, Kronenteile, Stämme, Wurzelstubben oder ganze Bäume handeln. Je nach Größe, Gewicht und Lage zur Strömung kann es lagestabil sein oder mit der Strömung fortbewegt werden.

Bedeutung für die Ökologie

Zu den wertvollen Strukturelementen im Gewässer gehören Totholz, Treib- und Schwemmgut sowie krautige Pflanzenteile und Laub, die im Gewässer transportiert werden. Die damit verbundenen Lebensräume ermöglichen eine Besiedlung durch zahlreiche Arten, die für einen guten ökologischen Zustand relevant sind.
Totholz dient vielen aquatischen Organismen als Lebensraum, Nahrungsquelle, Fortpflanzungs- und Rückzugsort. Es differenziert die Strömung, verändert die Substratverteilung und fördert die Tiefen- und Breitenvariabilität. Zudem erhöht es die hydraulische Rauigkeit, wirkt als Rückhalt für Geschiebe und organisches Material und sorgt so für fließende Retention. Ein hoher Totholzanteil kann zudem einer unerwünschten Sohlenerosion entgegenwirken und so zur morphologischen Stabilisierung beitragen.
All diese Prozesse sorgen für Struktur- und Habitatvielfalt und somit für einen sich selbst verstärkenden ökologischen Nutzen.

Auswirkungen auf den Hochwasserschutz

Nicht lagestabiles, vom Gewässer fortgetragenes Totholz sammelt sich in der Regel an Engstellen, da es dort nicht weiterkommt. Kleinere Mengen sind in der Regel unkritisch. Je mehr sich jedoch ansammelt und je größer die Aststücke sind, desto eher können Totholzpfropfen bzw. sogenannte Verklausungen entstehen. Diese führen bei Hochwasser zu Aufstau, Turbulenzen und lokalen Überflutungen. An Brücken, Durchlässen oder Bauwerken besteht hierbei ein erhöhtes Schadenspotenzial durch Unterspülung, Überflutung oder Aufprall. Diese Risiken dürfen nicht ignoriert werden.
Gleichzeitig fördern Totholzstrukturen die fließende Retention, indem sie durch ihre Rauigkeit die Fließgeschwindigkeit reduzieren und somit die natürliche Rückhaltefähigkeit des Abflusses im Gewässer erhöhen. Darüber hinaus unterstützen sie eigendynamische Entwicklungen, die langfristig auch den Hochwasserschutz stabilisieren können.

Umgang mit Totholz

Für den Umgang mit Totholz ist entscheidend, ob es den Abfluss behindern oder Schäden verursachen kann. Dies steht in engem Zusammenhang mit der Wahrscheinlichkeit der Verdriftung sowie dem Schadenspotenzial angrenzender Nutzungen.
Grundsätzlich gilt: Totholz sollte, wo möglich, immer im Gewässer verbleiben. Das unbegründete Entfernen kann sogar eine Ordnungswidrigkeit darstellen. Statt einer pauschalen Beräumung ist daher eine differenzierte Prüfung erforderlich.
Wo keine unmittelbare Gefahr besteht, sollte Totholz als wichtiges ökologisches und hydromorphologisches Strukturelement in seiner Funktionsfähigkeit erhalten bleiben. Besteht die Gefahr einer Schadensauslösung durch Verdriftung oder Rückstau, kann es umgelagert oder gesichert werden – etwa durch Verspannung, Teilvergrabung oder den Einbau mit ingenieurbiologischen Bauweisen wie Totholzbuhnen, Totholzpackungen (Benjeshecken), Totfaschinen oder Abweisern. So bleibt die Strukturwirkung erhalten, ohne den Abfluss oder angrenzende Nutzungen zu gefährden. Abhilfe kann auch ein oberhalb von sensiblen Nutzungen angeordneter, beräumbarer Totholzfang schaffen. Dieser bietet die Möglichkeit, das Material in naturnahen Abschnitten einfach liegen zu lassen, da es sich bei Verdriftung am Totholzfang sammelt und dann einfach beräumt werden kann.

Fehler im Umgang mit Totholz

Häufig wird im und am Gewässer liegendes Totholz vorsorglich entfernt, um jegliche Schäden und Verklausungen zu vermeiden. Dies führt jedoch zu einer Verarmung der Gewässerstruktur und kann Erosionsprozesse verstärken. Regelmäßige Kontrollgänge würden dabei helfen, Entwicklungen zu beobachten und bei Bedarf rechtzeitig einzugreifen. Eine einfache Zustandsdokumentation schafft dabei Rechtssicherheit und unterstützt eine nachvollziehbare Unterhaltungspraxis. Eine differenzierte Gefahreneinschätzung kommt häufig zu dem Ergebnis, dass Totholz in vielen Bereichen einfach liegen gelassen werden kann.

Fazit

Totholz ist kein Müll, sondern ein wertvolles Gestaltungselement naturnaher Fließgewässer. Es verbessert die Strukturvielfalt, stabilisiert Ufer und Sohle und schafft wertvolle Lebensräume. Für die Gewässerunterhaltung bedeutet das: Nicht jedes Stück Totholz stellt ein Risiko dar. Ein umsichtiges und ökologisch orientiertes Totholzmanagement verbindet Funktionssicherheit mit einer lebendigen Gewässerentwicklung.

Umgestürzte oder entwurzelte Bäume bieten am Ufer oder im Gewässer ein hohes eigendynamisches Entwicklungspotenzial und sollten nach Möglichkeit erhalten werden.
Stellen vom Wasser transportierte Totholzteile eine Gefahr für gewässerabwärts gelegene Bauwerke oder Siedlungsabschnitte dar, muss dafür gesorgt werden, dass sie nicht dahin gelangen.
Totholzverklausungen sind immer ökologisch durchgängig. Sie stellen kein Hindernis im Sinne der ökologischen Durchgängigkeit dar und können in naturnahen Abschnitten belassen werden.
Die Befestigung eines umgestürzten Baumes kann durch Eingraben des Stammes und einer Drahtverspannung an Pfählen erfolgen.
Astwerk und kleinere Totholzteile können flächig mit Pflöcken und kreuzweisen Drahtverspannungen fixiert und so gegen Abtrieb gesichert werden.
Zusammengetragenes Totholz kann als dichte Packung zwischen eng eingeschlagenen Pfählen eingebaut werden.
Gemeinsam für lebendige Gewässer – Bauseminar am Haselbach

Gemeinsam für lebendige Gewässer – Bauseminar am Haselbach

Nach mehreren Monaten intensiver Zusammenarbeit im gemeinsamen Coachingprogramm des Sächsischen Landesamtes für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (LfULG) und des Deutschen Verbands für Landschaftspflege (DVL) – Landesverband Sachsen stand am 22. Oktober 2025 der praktische Höhepunkt an: das Bauseminar am Haselbach in der Gemeinde Haselbachtal bei Pulsnitz.

Trotz herbstlich-feuchten Wetters war die Stimmung unter den 21 Teilnehmer*innen ausgezeichnet. Mit Gummistiefeln, Spaten und viel Begeisterung machten sie sich ans Werk, um einen rund 120 Meter langen Abschnitt des Haselbachs ökologisch aufzuwerten. Unter der fachkundigen Anleitung von Dr. Andreas Stowasser und Katrin Dachsel von der Stowasserplan GmbH & Co. KG entstanden an diesem Tag neue Strukturen, die dem Gewässer künftig mehr Dynamik, Vielfalt und Lebensraum bieten.

Was in den vergangenen Monaten in Theorie und Diskussion vorbereitet wurde, nahm hier konkrete Gestalt an: initiale Erdarbeiten, ingenieurbiologische Bauweisen, sorgfältig gesetzte Pflanzen – und vor allem ein gemeinsames Ziel, das alle verband. Jede Schaufel Erde, jeder eingebaute Weidenast ist ein kleiner Beitrag für mehr Natur im Gewässer.

Bereits während der Arbeiten zeigte sich, dass der Haselbach lebendig auf die Maßnahmen reagierte: Zahlreiche Fische nutzten neugierig die frisch gestalteten Bereiche – als wollten sie sagen: „Wir fühlen uns hier wohl.“ Ein schöner Moment, der deutlich machte, wie schnell Natur auf gute Impulse reagiert.

Ein herzliches Dankeschön gilt der Gemeinde Haselbachtal für die hervorragende Organisation vor Ort, die tatkräftige Unterstützung während der Vorarbeiten und am Seminartag und insbesondere für das leckere gemeinsame Mittagessen, das für neue Energie und gute Gespräche sorgte. Ebenso danken wir dem BUND Landesverband Sachsen e.V. für die engagierte Teilnahme und die freundliche Bereitstellung von Werkzeug und Material, die wesentlich zum Gelingen des Praxistages beigetragen haben.

Die nachfolgenden Fotos zeigen eindrucksvoll, wie aus Theorie, Teamgeist und Praxis Wissen ein Stück lebendige Gewässerentwicklung wird – und wie viel Freude gemeinsames Arbeiten am Wasser machen kann.

So sah es noch am Morgen am Haselbach aus

 

Der Tag begann mit dem Anzeichnen und der Einweisung in die Arbeiten
Unterstützung erhielten wir durch einen erstklassigen Baggerfahrer
Die Arbeit mit lebenden Pflanzen braucht Fürsorge
Der Einbau der ingenieurbiologischen Bauweisen erfolgte in Handarbeit
Eine gute Verankerung der Bauweisen in der Böschung sorgt für guten Anwuchserfolg
Neben Totfaschinen mit Hinterpflanzung wurden auch Lebendfaschinen eingebaut
Auch die Setzstangen erfordern ein gemeinsames Anpacken
Learning by doing – viele der Arbeiten wurden das erste Mal gemacht
Es blieb immer wieder Zeit für Fragen und Austausch
Für jeden Teilnehmenden waren passende Arbeiten und neue Erkenntnisse dabei
Am Ende des Tages waren alle Materialien verbaut
Und die Sonne sorgte schließlich für einen schönen Abschluss der Veranstaltung
Naturnahe Strukturen effizient entwickeln – gewusst wie

Naturnahe Strukturen effizient entwickeln – gewusst wie

Der von der Wasserrahmenrichtlinie geforderte „gute ökologische Zustand“ vieler Gewässer ist in Sachsen noch nicht erreicht. Einer der entscheidenden Faktoren sind die hydromorphologischen Strukturen – also die Form, Ausprägung und Vielfalt von Sohle, Ufer, Lauf und Querprofil eines Gewässers. Sie bilden die Grundlage für Lebensräume, Artenvielfalt und ökologische Stabilität.

Diese Lebensräume kann man aktiv bauen, das ist aber sehr aufwendig und teuer, und deren Nachhaltigkeit und langfristiger (Selbst-)Erhalt sind nicht unbedingt gewährleistet. Effizienter ist es, die Natur selbst gestalten zu lassen – denn sie besitzt alles, was dafür nötig ist!

Die Natur als Baumeisterin

In naturnahen Fließgewässern lässt sich beobachten, wie Wasser seine Umgebung formt: Es schafft Kolke, Inseln, Uferabbrüche und neue Fließrinnen – mal sanft, mal kraftvoll. Besonders nach Hochwasserereignissen entstehen unzählige wertvolle Strukturen.

Auch Pflanzen sind Teil dieses Systems. Sie besiedeln die neu entstandenen Flächen, breiten sich aus, verschwinden wieder, und es entstehen immer neue Artengemeinschaften bis hin zu Auwaldgesellschaften – das ist Sukzession bzw. Vegetationsdynamik.

Wenn Wasser ausreichend Zeit und Raum hat, schafft es von selbst, was in Planunterlagen als Ziel definiert wird: strukturreiche, vielfältige und lebendige Gewässerlandschaften.

Eingeschränkte Dynamik – ein verbreitetes Problem

Viele unserer Bäche und Flüsse haben diese natürliche Bewegungsfreiheit verloren. Harte Uferbefestigungen, enge Trassen und intensive Pflege schränken die Eigendynamik ein und das Wasser kann kaum noch gestalten. Dabei wäre es gerade jetzt, in Zeiten knapper Mittel und begrenzter Personalressourcen, sinnvoll, auf das Potenzial der natürlichen Prozesse zu setzen: Sie wirken dauerhaft, dynamisch und kosten deutlich weniger als künstliche Eingriffe.

Kleine Maßnahmen mit großer Wirkung

Natürlich brauchen eigendynamische Entwicklungen Zeit – und manchmal auch einen Anstoß. Hier kommen ingenieurbiologische Bauweisen ins Spiel: einfache, naturnahe Bautechniken, die die Strömungen lenken und beleben.

Solche Initialmaßnahmen setzen Prozesse in Gang, die sich anschließend selbst verstärken. Es entstehen Bereiche unterschiedlicher Fließgeschwindigkeiten, Kolke bilden sich und es wird Geschiebe bewegt, sortiert und wieder abgelagert.

Das Ergebnis: wertvolle Strukturen, die Besiedlungsflächen bereitstellen und Rückzugsräume für Insekten, Käfer, Fische und Vögel bilden. Pflanzen siedeln sich in angelandeten Bereichen an und mit dem Austrieb von Gehölzen beginnt ein sich selbst tragender Entwicklungsprozess. Dazu sammelt sich organisches Material an. Es dient den genannten Arten als Nahrung. Je nach Bauweise können diese Prozesse von kleinen Umlagerungen innerhalb des Profils bis hin zu deutlichen Laufverlagerungen führen.

Planung mit Augenmaß

Damit eigendynamische Prozesse gezielt angestoßen werden können, müssen die gewählten Bauweisen an die örtlichen Rahmenbedingungen angepasst werden. Maßgebend sind der Gewässertyp, die Profilbreite und das Gefälle, die Lichtverhältnisse sowie die angestrebte Wirkung. Auch die Dauer des Initialstadiums und die Erreichbarkeit der Baustelle sollten in die Planung einbezogen werden. Das Wichtigste ist aber, dass genügend Fläche für die Eigendynamik zur Verfügung steht. Dazu ist der gewässertypspezifische Korridor zu ermitteln und die dafür erforderlichen Flächen dauerhaft zu sichern.

Die Dimensionierung der Bauweisen ist von zentraler Bedeutung: Sind sie zu gering ausgeführt, bleibt die gewünschte Wirkung aus; bei zu großer Ausprägung können angrenzende Nutzungen beeinträchtigt werden. Ein fachgerechter Einbau und eine angepasste Pflege sichern den langfristigen Erfolg der Maßnahme.

Als Baumaterialien kommen sowohl austriebsfähiges als auch nicht austriebsfähiges Astwerk, Wasserbausteine und geeignetes Befestigungsmaterial in Betracht. Besonders bewährt haben sich Weidenarten und andere Gehölzjungpflanzen. Durch die Kombination verschiedener Bauweisen lässt sich die Wirksamkeit steigern und eine stabile, natürliche Entwicklung unterstützen.

Vertiefende Informationen bieten der Praxisleitfaden der TLUG (2015) sowie die DWA-Regelwerke M 620 Teil 1 und Teil 2 (2020, 2022). Ergänzende Hinweise und Informationen zu ingenieurbiologischen Bauweisen stellt zudem das Entscheidungsunterstützungssystem SOFIE® bereit, das die Auswahl und Anwendung von ingenieurbiologischen Bauweisen erleichtert.

Entwicklung begleiten – nicht kontrollieren

Wo neue Strukturen entstehen, steigt auch die Rauigkeit des Gewässerbetts. Dies führt wiederum zu einer Veränderung der Abflussdynamik. Eine ausreichende Abflussleistung des Profils ist daher notwendig, um unerwünschte Auswirkungen auf angrenzende Nutzungen zu vermeiden.

Ebenso wichtig ist die begleitende Beobachtung. Regelmäßige Kontrollgänge und Dokumentationen helfen, die Entwicklung zu verstehen und rechtzeitig zu reagieren, falls sich Prozesse ungünstig entwickeln. Diese Beobachtungspflicht dient der fachgerechten Begleitung der Gewässerentwicklung und gewährleistet zugleich eine rechtssichere und verantwortungsbewusste Unterhaltung gegenüber Dritten.

Mut zur Eigenentwicklung

Die notwendige Beobachtung, das gelegentliche Eingreifen und die mit natürlichen Prozessen verbundenen Unsicherheiten sollten nicht dazu führen, sämtliche Entwicklungen wieder vollständig zu planen oder kontrollieren zu wollen. Oft reichen wirklich kleine Impulse: ein Stück Uferverbau entfernen, den Lauf leicht verlagern, Strömungslenker einbauen. Solche minimalen Eingriffe können ausreichen, um die natürliche Entwicklung wieder in Gang zu bringen.

Wer das zulässt, fördert nachhaltige, kosteneffiziente und ökologisch stabile Gewässer – ganz ohne große Renaturierungsprojekte.

Fazit

Naturnahe Strukturen effizient zu entwickeln bedeutet, natürliche Prozesse gezielt zu fördern, anstatt fertige Strukturen herzustellen. Wer Gewässern ausreichend Raum und Zeit für Eigendynamik einräumt, nutzt ihre natürliche Gestaltungskraft und unterstützt so die Entwicklung stabiler und ökologisch funktionsfähiger Systeme.

Quellen:

TLUG – THÜRINGER LANDESANSTALT FÜR UMWELT UND GEOLOGIE (Hrsg.) (2015): Ingenieurbiologische Bauweisen für die eigendynamische Gewässerentwicklung. Praxisleitfaden. Schriftenreihe der TLUG, Nr. 110. Jena.

DWA – DEUTSCHE VEREINIGUNG FÜR WASSERWIRTSCHAFT, ABWASSER UND ABFALL E. V. (2020): Merkblatt DWA-M 620-1, Ingenieurbiologische Bauweisen an Fließgewässern – Teil 1: Grundlagen und Bauweisenauswahl. Hennef.

DWA – DEUTSCHE VEREINIGUNG FÜR WASSERWIRTSCHAFT, ABWASSER UND ABFALL E. V. (2022): Merkblatt DWA-M 620-2, Ingenieurbiologische Bauweisen an Fließgewässern – Teil 2: Planung, Umsetzung und Erfolgskontrolle. Hennef.

Rechenbuhnen sind eine einfache Bauweise zur Initiierung von Eigendynamik. Dabei werden Weidensetzstangen als Reihe in das Gewässer gesetzt. Sie lenken die Strömung außen vorbei und bewirken durch den Austrieb einen selbstverstärkenden Effekt.
Bei Beräumungsarbeiten gewonnene Wurzelstöcke können ebenfalls als Strömungslenker eingebaut werden. Wichtig ist dabei auf eine sinnvolle Dimensionierung zu achten und die Wurzelstöcke stabil zu verankern.
Bei Inselbuhnen werden Weidensetzstangen in die Gewässermitte gesetzt. Hier bereits mit erstem Austrieb kurz nach dem Einbau.
Eine Tiefenrinne, Substratsortierung, Anlandung und Bewuchs – an dieser Inselbuhne haben sich vielfältige naturnahe Strukturen gebildet.
Durch geneigte Lebendfaschinen wurden punktuell gezielt Bauweisen zur Entwicklung von Ufergehölzen eingebaut – auf den übrigen Flächen innerhalb und außerhalb des Gewässers haben sich alle weiteren Pflanzen von selbst angesiedelt.
Auch mit direkt in die Strömung gesetzten Wasserbausteinen wie diesen Lenkbuhnen lässt sich Eigendynamik initiieren.
Substratsortierung, Tiefenzonen und Fachwasserbereiche entwickeln sich schon nach kurzer Zeit.
Start der Bauarbeiten am Tauchnitzgraben: Kombination aus Gewässeroffenlegung und Agroforstsystem

Start der Bauarbeiten am Tauchnitzgraben: Kombination aus Gewässeroffenlegung und Agroforstsystem

Wo aktuell noch ein verrohrter Graben unsichtbar unter einer großen Ackerfläche verläuft, rollen inzwischen die Bagger: Die Bauarbeiten zur Offenlegung des Tauchnitzgrabens haben begonnen. Damit startet eines der spannendsten Umweltprojekte Sachsens – die Kombination aus Gewässerrenaturierung und Agroforstwirtschaft. Gewässerschutz und Landnutzung ziehen an einem Strang!

Aus der im Rahmen des Projekts WERTvoll entwickelten Idee, den Bach wieder ans Licht zu holen, hat sich ein zukunftsweisendes Vorhaben entwickelt: Die Offenlegung des Tauchnitzgrabens wird mit einer gewässerbegleitenden Agrarholzpflanzung und einem 70 Hektar großen Agroforstsystem auf der angrenzenden Ackerfläche der Agrargenossenschaft e.G. Böhlitz kombiniert.

Dieses Projekt ist in Sachsen bisher einzigartig. Es verbindet Umweltschutz, Umsetzung der EG-Wasserrahmenrichtlinie zur Entwicklung von naturnahen Fließgewässern, moderne Landwirtschaft und regionale Energieversorgung auf beispielhafte Weise. Hier wird gezeigt, wie sich ökologische Verantwortung und wirtschaftliche Nutzung nicht widersprechen, sondern gegenseitig stärken können. Forschung und Praxis greifen ineinander, um ein Modell zu schaffen, das gleichermaßen produktiv, resilient und klimagerecht ist.

Mit der Umsetzung wird das im Rahmen von WERTvoll erarbeitete und in ElmaR I–III konkretisierte Renaturierungskonzept verwirklicht – eine Kombination aus Gewässeroffenlegung und der Anpflanzung eines Agroforstsystems (AFS).

Im März 2025 wurden rund 30 000 Bäume auf der angrenzenden Ackerfläche gepflanzt – der erste sichtbare Schritt in Richtung einer neuen Landschaft. Im September 2025 folgte der Beginn der Bauarbeiten am Gewässer: Die Baustraße wurde angelegt, um die Offenlegung und Neuprofilierung des Tauchnitzgrabens auf einer Länge von etwa 500 Metern vorzubereiten. Anfang November sollen ingenieurbiologische Bauweisen eingebaut werden – sie sorgen dafür, dass das neue Bachbett dauerhaft stabil bleibt und sich zugleich naturnah entwickeln kann.

Im Frühjahr 2026 erfolgt dann die bachbegleitende Pflanzung des Agroforstsystems. Diese Pflanzung bildet das Rückgrat des Projekts: Sie bietet Lebensraum für Tiere, schützt vor Erosion und liefert gleichzeitig wertvolles Holz. Die Holzerträge werden künftig zur Energiegewinnung im Nahwärmenetz Röcknitz genutzt – ein geschlossener regionaler Kreislauf, der Klima und Ressourcen schont.

Wer das Projekt aus nächster Nähe erleben möchte, hat dazu im Juni 2026 Gelegenheit: Dann findet ein Feldtag statt, an dem Interessierte den Fortschritt direkt vor Ort besichtigen können.

Wissenschaftlich begleitet wird das Vorhaben vom Institut für angewandtes Stoffstrommanagement am Umwelt-Campus Birkenfeld im Rahmen des Projekts AGROfloW. Finanziert wird es über das EU-Förderprogramm ZENAPA, das innovative Ansätze für Energie- und Klimaschutz unterstützt. Die Stowasserplan GmbH & Co. KG hat das Projekt von der ersten Idee an geplant, die Gemeinde Lossatal beim wasserrechtlichen Genehmigungsverfahren unterstützt und übernimmt nun die fachliche Bauüberwachung.

Der Tauchnitzgraben wird damit zu einem Modellstandort, an dem Gewässerentwicklung, Landwirtschaft und Energiegewinnung auf beispielhafte Weise zusammenfinden.

Luftbild mit dem Agroforstsystem und dem zukünftigen Verlauf des Tauchnitzgrabens (blaue Linie), Blick entgegen der Fließrichtung vor Beginn der Bauarbeiten
Ausgangszustand – Blick entlang des verrohrten Tauchnitzgrabens (gestrichelte blaue Linie) in Fließrichtung
Bauberatung – Beginn der Erdarbeiten zum Einbau neuer Dränagesammler beidseits des zukünftigen Gewässerkorridors
Agroforstsystem: 5-reihiges System mit 2 Reihen Hybridpappeln, einer Reihe Wertholz, 2 Reihen Hybridpappeln, Entwicklungsstand 6 Monate nach der Pflanzung
Das Modellprojekt am Tauchnitzgraben wurden von Katrin Dachsel (links) von Stowasserplan und unserem Projektpartner Frank Wagener vom Institut für angewandtes Stoffstrommanagement (IFAS) auf dem diesjährigen Agroforstforum des DeFAF am 17. Und 18. September 2025 in Gießen präsentiert.
Gewässermanagement: Neues Online-Seminar 

Gewässermanagement: Neues Online-Seminar 

Die Anforderungen an ein modernes Gewässermanagement wachsen stetig: Klimaanpassung, Hochwasserschutz, Artenvielfalt und die Sicherung kommunaler Ressourcen müssen in Einklang gebracht werden. Um Kommunen dabei praxisnah zu unterstützen, läuft in Sachsen 2025 eine Weiterbildung für Gewässerberater – ein Pilotprojekt mit Signalwirkung für andere Bundesländer. 

Gewässerberater als Schlüsselrolle 

Vom 1. März bis 30. November 2025 nehmen 21 Teilnehmer*innen an einem Coaching-Programm des Sächsischen Landesamtes für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (LfULG) teil, das von Stowasserplan konzipiert und durchgeführt wird. Ziel ist es, eine einheitliche Wissensgrundlage zu schaffen, auf deren Basis kommunale und regionale Akteure effizient zusammenarbeiten können. 

So entsteht eine enge Kooperation zwischen Fachspezialisten, Unteren Wasserbehörden und kommunalen Aufgabenträgern – eine zentrale Voraussetzung für nachhaltige Gewässerentwicklung. 

Online-Seminar für alle Bundesländer 

Auf Grundlage der sächsischen Initiative hat Stowasserplan ein neues Online-Seminar „Gewässermanagement“ entwickelt. Es richtet sich bundesweit an Kommunen, Behörden und Fachpersonal, die ihre Kompetenzen in der kommunalen Gewässerunterhaltung stärken möchten. 

Das Seminar bietet: 

  • praxisnahe Weiterbildung für alle, die im Bereich Gewässermanagement tätig sind, 
  • einheitliche Grundlagen für Planung und Management sowie 
  • Methoden, um Schnittstellen zwischen Behörden, Verbänden und Kommunen optimal zu nutzen. 

Das Besondere: Die Weiterbildung verbindet wissenschaftliche Grundlagen mit praxisnahen Methoden. Fachpersonal wird befähigt, die Umsetzung von Unterhaltungs- und Entwicklungsaufgaben nicht nur zu begleiten, sondern aktiv voranzutreiben. 

Warum Weiterbildung im Gewässermanagement entscheidend ist 

Nur durch gut ausgebildetes Fachpersonal lassen sich die komplexen Anforderungen an Unterhaltungs- und Entwicklungsmaßnahmen langfristig erfüllen. Weiterbildung bedeutet deshalb mehr als reines Fachwissen: Denn nur mit gut vernetzten Strukturen, fundiertem Fachwissen und motivierten Menschen können die ökologischen und wasserwirtschaftlichen Ziele in den kommenden Jahren erreicht werden. 

Wenn Sie mehr über den detaillierten Inhalt des Seminars erfahren wollen, lesen Sie hier weiter. Möchten Sie mit uns über ein spezifisches Konzept für Ihren Zuständigkeitsbereich reden? Dann zögern Sie nicht, uns zu kontaktieren.