23 Jahre nach der Jahrhundertflut in Sachsen – die Retentionsmulden zwischen Schullwitz und Eschdorf zeigen eindrucksvoll, wie sich Hochwasserschutz und Biodiversität kombinieren lassen.
Am 12. und 13. August 2002 führten extreme Regenmengen in Sachsen zu Sturzfluten an Elbe und Mulde. Mindestens 21 Menschen verloren ihr Leben, Hunderte wurden verletzt, Zehntausende mussten ihre Häuser verlassen. Der Schaden ging in die Milliarden. In der Folge wurden landesweit zahlreiche Hochwasserschutzmaßnahmen auf den Weg gebracht. Eine davon war unser Retentionsmuldenprojekt zum Schutz der Ortslage Eschdorf bei Dresden: Anstatt ein riesiges Rückhaltebecken zu bauen, haben wir eine ehemals komplett meliorierte Wiesenfläche in eine artenreiche Feuchtwiesenlandschaft mit einem naturnahen Bachlauf mit naturnahen Retentionsmulden kombiniert. 23 Jahre später ist dort eine artenreiche Wiesenaue entstanden. Bereits beim Extremhochwasser 2010 und 2013 wurde die Ortslage Eschdorf wirkungsvoll vor einer Überflutung geschützt.
Blick über den Schullwitzbach in eine eingestaute MuldeÖkologisch durchgängig gestaltetes Einstaubauwerk Überlaufbereich von einer Mulde in die NächsteÜberblick über die Mulden und den zuführenden Bachlauf beim „Belastungstest“ im Jahr nach der Fertigstellung – die Mulden füllen sich nacheinander und geben den Abfluss gedrosselt an das Bachbett zurück.
Letzte Woche konnte ich meinem Team von Stowasserplan in einer internen Fortbildung zeigen, wie gut sich am Beispiel der Retentionsmulden zwischen Schullwitz und Eschdorf nachhaltiger Hochwasserschutz und Förderung der Biodiversität kombinieren lassen. Folgende Videos zeigen, wie sich die Rententionsmulden gut in die Aue des Schullwitzbachs einfügen:
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Offenlegung und Renaturierung des Schullwitzbachs auf ca. 500 m Länge sowie Anlage von zwei bachparallel angeordneten Flutmuldenreihen zwischen den Ortslagen Dresden Schullwitz und Eschdorf mittels umfangreicher Erdmodellierung, komplexer Steuerung des anströmenden und zurückgehaltenen Wassers und Ufer- und Böschungssicherung mittels ingenieurbiologischer Bauweisen.
Flächengröße des überformten Geländes: ca. 10 ha.
Auftraggeber: Landeshauptstadt Dresden
Planung: 2004 bis 2007
Bauumsetzung: 2008 bis 2009
Artenreiche Feuchtwiesenvegetation in den RetentionsmuldenAus der Luft sind die Retentionsmulden gut zu erkennen. Baumgruppen markieren die äußeren Ränder der Hochwasserschutzanlage. Selbstregulierende Drosselorgane und Überläufe zwischen den Mulden verteilen das im Schullwitzbach ankommende Hochwasser so, dass es vor der Ortslage Eschdorf beim HQ 100 der Abfluss des Schullwitzbachs um bis zu 75% reduziert wird.Aus der Luft sind die Retentionsmulden gut zu erkennen. Baumgruppen markieren die äußeren Ränder der Hochwasserschutzanlage. Selbstregulierende Drosselorgane und Überläufe zwischen den Mulden verteilen das im Schullwitzbach ankommende Hochwasser so, dass es vor der Ortslage Eschdorf beim HQ 100 der Abfluss des Schullwitzbachs um bis zu 75% reduziert wird.Baumgruppen zur Abgrenzung des Retentionsmuldenareals – entwickelt aus WeidensetzstangenDie Modellierung der Retentionsmulden passt sich harmonisch in die Aue des Schullwitzbachs ein – die Hochwasserschutzanlage ist als technische Bauwerk kaum zu erkennen.
Wer an ein „gepflegtes“ Gewässer denkt, hat meist ein Bild vor Augen: keine Ablagerungen, kein Totholz, keine Pflanzen. Das Wasser kann ungehindert abfließen und alles ist schön ordentlich. Doch die Anforderungen an die Gewässerunterhaltung sind viel komplexer. Denn was für den Betrachter ordentlich und aufgeräumt erscheint, ist für Natur und Gewässerökologie ein Mangel an notwendigen Strukturen. Hinzu kommt, dass ein frisch gepflegtes Gewässerprofil meist nach kurzer Zeit wieder stark zuwächst und sich damit der Abfluss wieder deutlich verschlechtern kann. Diese Form der Pflege ist dann nicht nur schlecht für die Ökologie, sondern auch unwirtschaftlich.
Zwischen Abflussfreihaltung und ökologischer Entwicklung
Die Herausforderung der Gewässerunterhaltung besteht vielmehr darin, die Gewässerberäumung mit so viel Augenmaß durchzuführen, dass der Spagat zwischen Abfluss und Ökologie gelingt. Gemäß der gesetzlichen Aufgabe hat die Gewässerunterhaltung dafür zu sorgen, Gewässer zu pflegen, zu entwickeln und den ungehinderten Abfluss sicherzustellen., Vor allem in Bereichen, in denen der Hochwasserschutz eine besondere Rolle spielt, muss ein sinnvoller Umgang mit Sediment, Totholz und Pflanzenaufwuchs gefunden werden, damit der Wasserabfluss nicht behindert wird. Dann steht eine Beräumung im Raum – als notwendige Maßnahme, aber eben auch als Eingriff in ein sensibles Ökosystem.
Die Kunst liegt darin, beides in Einklang zu bringen: die Funktionsfähigkeit des Gewässers für den Wasserabfluss durch entsprechende Unterhaltungsmaßnahmen zu erhalten und gleichzeitig die natürlichen Strukturen möglichst weitgehend zu schonen.
Ökologische Auswirkungen – mehr als nur ein bisschen „Dreck“
Der Gewässergrund ist kein lebloser Sandkasten. Zwischen den Steinen, im Kies und selbst in schlammigen Ablagerungen leben zahlreiche Arten – von Großmuscheln über Insektenlarven und Kleintieren bis hin zu den Fischen, wie zum Beispiel dem Bachneunauge. Eine Beräumung kann deren Lebensraum massiv beeinträchtigen oder sogar zerstören.
Doch eine gezielte abschnittsweise Räumung zum richtigen Zeitpunkt bietet auch Chancen: Wird nicht die gesamte Sohle ausgebaggert und lässt man Sedimente einfach liegen, können diese als Rückzugsräume dienen und frei gelegte Substrate sogar die Wiederbesiedlung fördern. Voraussetzung ist, dass die Maßnahme sorgfältig geplant und naturschutzfachlich begleitet wird.
Hochwasserschutz – ein wichtiges, aber nicht alleiniges Ziel
Der häufigste Grund für die Räumung eines Gewässers ist die Verbesserung bzw. Wiederherstellung der zum Schutz der angrenzenden Nutzungen erforderlichen Abflussverhältnisse. Weniger Sediment und Aufwuchs bedeutet mehr Durchfluss – und damit weniger Risiko für die Überschwemmung angrenzender Flächen. Aber auch hier gilt: nicht reflexartig überall zur Schaufel oder zum Bagger greifen. Die Dringlichkeit der Entnahme sollte anhand der tatsächlichen potenziellen Beeinträchtigung geprüft werden. So besteht für Wiesen, Äcker und Wald ein wesentlich geringerer Schutzstatus als für Bebauung und Infrastruktur in dicht bebauten Gebieten. Bei Letzteren hat die Freihaltung des Abflussprofils tatsächlich Vorrang vor ökologischen Aspekten. In der freien Landschaft bzw. außerhalb von Siedlungsbereichen muss das Augenmerk der Gewässerentwicklung auf einer naturnahen und ökologisch hochwertigen Gewässerstruktur liegen.
Und besonders nach Hochwasserereignissen ist es wichtig, sorgfältig mit den dabei entstandenen Strukturen am Gewässer umzugehen. So kann eine gezielte Beräumung weitere Schäden minimieren, genauso kann aber auch der Erhalt der eigendynamisch entstandenen Strukturen einen wichtigen Beitrag zur ökologischen Entwicklung des Gewässers leisten und die Ziele der WRRL unterstützen.
Vorgehensweise –Taktik, Timing, Technik
Eine fachgerechte Sedimentberäumung beginnt lange vor dem ersten Baggerhub. Zunächst wird festgelegt, welche Bereiche tatsächlich geräumt werden müssen. Besonders sensibel sind Kolke, Böschungsfüße und Aufweitungen – hier sollte gar nicht oder nur sehr behutsam eingegriffen werden.
Anschließend wird ein geeigneter Zeitraum gesucht. Bei Arbeiten im Fluss- oder Bachbett ist es wichtig, die Schonzeiten einzuhalten, um Amphibien, Fische, Insekten oder Vögel insbesondere in der Fortpflanzungszeit nicht unnötig zu stören. Dieser Zeitraum kann sich von Gewässer zu Gewässer unterscheiden. Daher ist eine Abstimmung mit der zuständigen Naturschutz- oder Fischereibehörde immer empfehlenswert. Bau- oder Pflegearbeiten sollten möglichst außerhalb dieser sensiblen Phasen stattfinden. Ein in den meisten Fällen günstiges Zeitfenster ist der Spätsommer, jedoch sollte dann besonders darauf geachtet werden, dass die Maßnahmen nicht in Niedrigwasserphasen durchgeführt werden.
Die Durchführung erfolgt idealerweise stromaufwärts. So bleiben Sicht und Arbeitsqualität hoch, und verdriftete Tiere werden nicht mehrfach erfasst. Entnommenes Material wird auf dem Gewässerrandstreifen zwischengelagert, um Kleintieren die Rückkehr ins Wasser zu ermöglichen. Fische, Amphibien und Muscheln, die nicht selbstständig zurückfinden, müssen abgesammelt und zurückgesetzt werden – eine Elektrobefischung vorab kann helfen, Verluste zu vermeiden.
Abschnittsweises Arbeiten ist Pflicht: Was heute bearbeitet wurde, bleibt im nächsten Turnus unberührt. So verteilen sich die Eingriffe und ganze Gewässerabschnitte bleiben zwischenzeitlich ungestört.
Fehler vermeiden – die Grenze liegt am Sohlniveau
Ein häufiger Fehler ist das zu tiefe Abtragen von Sediment. Wird unter das ursprüngliche Sohlniveau gearbeitet, drohen fortschreitende Erosionen, instabile Ufer und ein ökologisch verarmtes Profil. Ebenso problematisch: komplette Grundräumungen, die den Lebensraum Gewässersohle nahezu vollständig vernichten.
Wer mit einer dauerhaft hohen Sedimentfracht zu kämpfen hat, sollte nicht nur räumen, sondern auch deren Ursachen ermitteln. So kann etwa durch Sedimentfänge das Material geborgen und wiederverwertet werden oder durch strukturelle Verbesserungen dafür Sorge getragen werden, dass die Sedimentdynamik positiv beeinflusst wird, also entweder weniger Substrat mobilisiert oder der eigendynamische Abtransport durch das Gewässer gefördert wird.
Klimaschutz und Resilienz der Gewässer – Eingriffe auf das Nötigste begrenzen
Niedrigwasserzeiten sind denkbar ungünstig für Beräumungen von Sedimenten, Totholz oder Aufwuchs in der Gewässersohle. Die Arten ziehen sich in Trockenperioden in tiefere, dauerfeuchte Bereiche zurück, um Trocken- und Hitzestress zu vermeiden. Dafür sind Tiefenzonen und natürliche Strukturen und Substrate in der Gewässersohle dringend erforderlich. Eingriffe sollten daher nur erfolgen, wenn die Abflussleistung akut gefährdet ist und sich das Material nicht mehr selbstständig verlagert.
Zusammenarbeit mit Anliegern – ein unterschätzter Erfolgsfaktor
Viele Beräumungen scheitern nicht an der Technik, sondern an der Praxis: fehlender Zugang, nicht befahrbare Flächen, oder Missverständnisse mit Landnutzern. Frühzeitige Abstimmungen mit Eigentümern und Bewirtschaftern sind deshalb unerlässlich – sei es wegen der Befahrbarkeit von Feldern oder der Nutzung privater Wege.
Fazit: Sohlberäumungen sind kein Automatismus, also keine Routine-Gewässerunterhaltung, sondern ein sensibles Werkzeug in der Pflege und Entwicklung der Gewässer. Wer es gezielt, abschnittsweise und mit Blick auf die ökologischen Zusammenhänge einsetzt, kann Abflussfreihaltung und Naturschutz in Einklang bringen. „Aufgeräumt“ heißt eben nicht immer besser – aber durchdacht heißt fast immer nachhaltiger.
Mit Sediment und Holz verstopfter Durchlass einer Brücke. Dieses Abflusshindernis muss im Rahmen der Gewässerunterhaltung beseitigt werden.Sohlberäumungen können mittels Baggereinsatz erfolgen. Es ist darauf zu achten, dass das Sediment nicht stärker als bis zur ursprünglichen Sohle abgetragen wird. Aus dem Gewässer entnommene Substrate können zum Abtrocknen auf dem Gewässerrandstreifen zwischengelagert werden, sind danach aber abzutransportieren. Biberdamm in der freien Landschaft. Dieses „Abflusshindernis“ sollte nicht beseitigt werden.Verklausungen aus Totholz und Geschiebe in der freien Landschaft. Dieses Abflusshindernis sollte nicht beseitigt werden.Standortfremder Bewuchs sowie krautiger Aufwuchs auf Sedimentablagerungen schränkt den Abflussquerschnitt ein.Nach Abschluss der Arbeiten ist das ursprüngliche Bachbett wieder hergestellt. Die standortfremden Gehölze sind entfernt. Hochwasser kann problemlos abfließen.
Praxisimpulse zur klimaangepassten Gewässerentwicklung und -unterhaltung
Langanhaltende Trockenphasen, steigende Temperaturen und ein geschwächter Landschaftswasserhaushalt stellen Fließgewässer zunehmend vor große Herausforderungen. Der ökologische Zustand vieler Gewässer leidet spürbar unter den Klimaveränderungen – mit Auswirkungen auf Artenvielfalt, Nutzungsmöglichkeiten am und im Gewässer sowie die Lebensqualität der Menschen.
Im Rahmen eines landesweiten Projekts im Freistaat Thüringen hat das Planungsbüro Stowasserplan praxisorientierte Grundlagen und Handlungsanleitungen entwickelt, um die Resilienz von Fließgewässern gegenüber den Folgen des Klimawandels gezielt zu stärken. Aufbauend auf bestehenden Planungen und Handlungsanleitungen des Freistaats entstand ein Maßnahmenkatalog mit konkreten Hinweisen für eine klimaangepasste Gewässerunterhaltung und -entwicklung. Dieser ergänzt die Bemühungen in Thüringen zur Umsetzung der EG-Wasserrahmenrichtlinie.
Im Zentrum des Projekts standen drei Bausteine:
ein Katalog mit speziellen Klimaanpassungsmaßnahmen am Gewässer,
eine auf Thüringen zugeschnittene Methodik zur Maßnahmenzuordnung,
sowie Anforderungen an eine angepasste Gewässerunterhaltung in Niedrigwasserphasen.
Besonderer Fokus lag auf der Förderung naturnaher Strukturen, wie beschatteter Uferbereiche, vernetzter Rückzugsräume für Fische und Wirbellose sowie der Stabilisierung des Wasserhaushalts durch gezielten Wasserrückhalt. Denn wissenschaftliche Studien belegen: Je naturnäher ein Gewässer ist, desto besser kann es Klimastress ausgleichen.
Ein weiterer Meilenstein war die Integration des Thüringer Niedrigwasser-Warnstufenmanagements. Dieses ermöglicht es, Unterhaltungsmaßnahmen je nach Wasserstand flexibel und gewässerschonend umzusetzen.
Für die Anwendung in der Praxis wurde sichergestellt, dass die Ergebnisse digital nutzbar sind – u. a. über die Softwarelösung PROGEMIS®, die eine Planung, Umsetzung und Dokumentation der Maßnahmen erleichtert.
Das Projekt macht deutlich: Klimaanpassung an Fließgewässern ist machbar – und es lohnt sich. Für die Umwelt. Für die Menschen. Und für eine nachhaltige Gewässerbewirtschaftung.
In einem naturnahen Gewässer mit Ufergehölzbestand ist ausreichend Beschattung und sind genügend geeignete Rückzugsstrukturen vorhanden, in denen die Arten Hitze- und Trockenperioden überdauern können.Strukturarme und gehölzfreie Gewässer sind demgegenüber überlebensfeindlich. Das Risiko einer kompletten Austrocknung ist sehr hoch.In gehölzfreien und permanent Wasser führenden Gewässern sollten die Auswirkungen der klimatischen Veränderungen nicht durch zu intensive Pflege noch verschärft werden. Durch Etablierung von Ufergehölzen könnten der Hitzestress im Gewässer und sogar der Unterhaltungsaufwand reduziert werden.Sind Gehölzbestände am Gewässer nicht möglich, ist mit dem krautigen Aufwuchs sorgsam umzugehen. Bei Maßnahmen zur Abflussfreihaltung ist möglichst stromlinienförmig zu pflegen und sind die Bereiche entlang der Ufer als Rückzugsräume zu erhalten.
Wo Biber siedeln, bleibt das Gewässer nicht, wie es war. Diese Tiere verändern ihren Lebensraum mit bemerkenswerter Konsequenz – und lösen damit regelmäßig Zielkonflikte aus: zwischen Artenschutz, Hochwasserschutz, Land- und Forstwirtschaft sowie der Gewässerunterhaltung. Für alle, die an und mit Gewässern arbeiten, lohnt sich deshalb ein genauer Blick auf die Lebensweise des Bibers und den richtigen Umgang mit dessen Bauwerken.
Ein Baumeister mit System
Biber leben und wirken in der Regel in einem Streifen von etwa 20 Metern beidseits des Gewässers. Hier graben sie Röhren, errichten Burgen, stauen das Wasser mit Dämmen auf, lagern Totholz ein und verbrauchen eine beachtliche Menge an Vegetation – v.?a. Ufergehölze. Selbst Röhrichte und Unterwasservegetation gehören zu ihrem Speise- und Bauplan. Besonders in Gebieten mit dichter Biberpopulation kann das zu einem deutlichen Rückgang einzelner Pflanzenarten führen.
Ein besonderes Augenmerk gilt den sogenannten Biberbauwerken. Sie werden in drei Kategorien eingeteilt: Burgen und Röhren sind Bauwerke der höchsten Schutzstufe. Dämme, die das Stauniveau am Wohngewässer sichern – sogenannte „Wohndämme“ – sind ebenfalls besonders geschützt. Nur sogenannte „Nahrungsdämme“, also Dämme zur Erschließung von Futterplätzen, dürfen unter bestimmten Bedingungen reguliert oder entfernt werden.
Vom Eingriff zur Eigendynamik
So herausfordernd die Aktivität des Bibers für die Gewässerunterhaltung sein kann – sie bietet auch große Chancen. Biberdämme, Totholzansammlungen und Burgen wirken wie Katalysatoren für eigendynamische Prozesse: Sie verändern Querprofile, beeinflussen Sedimenttransport, fördern Ufererosion und lagern Material um. Auf diese Weise entstehen naturnahe Ufer- und Sohlstrukturen – Lebensräume für eine Vielzahl spezialisierter Tier- und Pflanzenarten. Studien zeigen, dass die Artenvielfalt in Biberrevieren deutlich höher ist bzw. zunimmt.
Gleichzeitig bringt der Biber Risiken mit sich. Burgen und Dämme destabilisieren Böschungen, untergraben Hochwasserschutzanlagen, verändern das Strömungsverhalten und führen zu Vernässungen im Vorland. Bei Hochwasser können sie die Abflussleistung beeinträchtigen oder Erosionsprozesse auslösen. Gerade in solchen Fällen besteht oft Handlungsbedarf.
Was ist erlaubt – und was nicht?
Der Biber steht unter strengstem Schutz: Nach FFH-Richtlinie und Bundesnaturschutzgesetz sind nicht nur die Tiere selbst geschützt, sondern auch ihre Bauten, Aufenthaltsorte und selbst tote Exemplare. Jeglicher Eingriff – etwa das Entfernen eines Wohndammes oder das Verändern einer Biberburg – bedarf einer Ausnahmegenehmigung der Unteren Naturschutzbehörde. Selbst scheinbar kleine Maßnahmen wie das Anbringen von Schutzgittern an Durchlässen oder das Ablassen eines Teiches sollten vorher abgestimmt werden, wenn Biber in der Nähe sind.
Werden durch Biberbauten wasserwirtschaftlich notwendige Abflussprofile verändert oder angrenzende Nutzungen beeinträchtigt, ist ein abgestimmtes Vorgehen gefragt. Es muss jeweils sogar geprüft werden, ob die Veränderungen nicht im Interesse des Artenschutzes toleriert werden müssen.
Prävention und Management vor Ort
In der Praxis hat sich ein Mix aus technischen Schutzmaßnahmen, Flächenmanagement und Aufklärung bewährt:
Technische Schutzmaßnahmen: Drahtgitter mit max. 5 cm Maschenweite an Durchlässen oder Einläufen verhindern das Zubauen durch Biber. Auch Einzelbaumschutz – etwa durch engmaschiges Drahtgeflecht oder spezielle Stammschutzanstriche – kann Fraßschäden reduzieren. Zur Wiederherstellung des Abflusses an Biberdämmen bieten sich Dammdrainagen („Bibertäuscher“) mit Kanalgrundrohren an. Sie können die notwendige Wassertiefe von 80 cm für den Biber erhalten und verhindern gleichzeitig einen weiteren Wasserspiegelanstieg und zunehmende Vernässungen der angrenzenden Flächen.
Vergrämung und lenkende Maßnahmen: Wildschutzzäune entlang von Gewässern, die ausreichend hoch und standfest sind, können das Vordringen des Bibers in sensible Bereiche einschränken. Alternativ hilft eine gezielte Pflanzung von Nahrungsgehölzen zur Ablenkfütterung.
Flächenmanagement: Besonders wirksam ist es, Vorrangflächen für die Biberaktivität auszuweisen – möglichst in öffentlichem Eigentum oder vertraglich gesichert. Auch Gewässerentwicklungskorridore mit breiten Gewässerrandstreifen und extensiver Bewirtschaftung erleichtern den Umgang mit der Art.
Öffentlichkeitsarbeit: Die Konflikte rund um den Biber lassen sich nicht allein durch technische Maßnahmen lösen. Notwendig ist auch Information, Aufklärung und eine ehrliche Kommunikation über Ziele, Maßnahmen und mögliche Entschädigungen.
Fazit: Natürlicher Verbündeter bei der Gewässerentwicklung – wenn der Rahmen stimmt
Der Biber ist weder Schädling noch Heiliger – sondern eine faszinierende, aber anspruchsvolle Tierart. Seine Aktivitäten initiieren eigendynamische Prozesse, die an vielen Stellen der Gewässer genau das bewirken, was aufwendig geplante Renaturierungsmaßnahmen zum Ziel hätten: Strukturelle Aufwertung, mehr Dynamik, vielfältigere Lebensräume. Wird der Biber als natürlicher Mitgestalter akzeptiert und in ein vorausschauendes Flächenmanagement eingebunden, kann das erhebliche Kosteneinsparpotenziale bei der ökologischen Gewässerentwicklung eröffnen.
Gleichzeitig braucht diese Koexistenz klare Rahmenbedingungen: Nur mit gezielter Flächenauswahl, abgestimmten technischen Maßnahmen und einem kooperativen Bibermanagement lassen sich Nutzungskonflikte begrenzen und negative Auswirkungen vermeiden. Dort, wo der Biber toleriert werden kann, ist er ein echter Gewinn – ökologisch und wirtschaftlich. ihm gezielt Raum zu geben – durch kluge Flächenauswahl, technische Schutzmaßnahmen und abgestimmte Eingriffe. So können wir dem Biber seine Lebensräume lassen – ohne unsere eigenen Aufgaben am Gewässer aus den Augen zu verlieren.
Vom Biber gefällte Gehölze sollten einfach liegen gelassen werden.Biberausstiegsgänge können Ausgangspunkt für Ufererosionen sein. Gewässeraufstau an einem Biberdamm: Werden solche Dämme entnommen, errichtet sie der Biber unverzüglich neu.Je extensiver die angrenzenden Nutzungen, hier Wald- und Wiesenflächen – desto geringer ist das Konfliktpotenzial mit dem Biber.Ufererosion an einem fast 2 m hohen Biberdamm Einzelbaumschutz mit Maschendraht: Stabile Eichenspaltpfähle und Draht bis 1,20 m Höhe sichern junge Schwarz-Pappeln vor dem Biber. Bibertäuscher mit seitlicher Anordnung des Rohres zur Überleitung des Wassers. Dies vermeidet Eingriffe und Störungen am Biberdamm. Steinschüttungen und Erdgitter können eine weitere Möglichkeit sein, Gewässerufer vor den Grabeaktivitäten des Bibers zu schützen.
Die Ufermahd zählt zu den aufwendigsten und kostenintensivsten Maßnahmen der Gewässerunterhaltung – sowohl ökonomisch als auch ökologisch. Ihr Zweck ist klar umrissen: Sie dient der Sicherung des Wasserabflusses und damit dem Hochwasserschutz. Doch gerade diese Funktion steht im Spannungsverhältnis zu den Zielen einer naturnahen Entwicklung und des Klimaschutzes unserer Fließgewässer. Für Unterhaltungspflichtige – Gemeinden, Verbände oder Zweckverbände – stellt sich daher die Frage: Wo ist intensive Ufermahd tatsächlich notwendig? Und wie lässt sie sich ökologisch verträglich umsetzen?
Notwendigkeit erkennen – auf Abflussanforderungen fokussieren
Ufermahd ist dort geboten, wo der Hochwasserschutz oberste Priorität hat und die Abflussleistung eines Gewässers durch krautigen Aufwuchs eingeschränkt werden würde. Diese Bereiche müssen identifiziert und regelmäßig gepflegt werden.
Gleichzeitig ist zu beachten: Eine abschnittsweise oder zeitlich gestaffelte Mahd wirkt sich kaum negativ auf die Abflussverhältnisse aus. Daher könnte der Großteil der Uferabschnitte mit einem wesentlich extensiveren Pflegekonzept unterhalten werden. Je naturnäher der Zustand eines Gewässers, desto geringer ist in der Regel der Unterhaltungsbedarf – ein Argument sowohl aus ökologischer als auch aus wirtschaftlicher Sicht. Daneben wird es zukünftig noch wichtiger werden, Gewässer permanent zu beschatten, um den Tieren im und am Gewässer Überlebensmöglichkeiten in Hitze- und Trockenphasen zu ermöglichen. An kleinen und schmalen Gewässern reicht dafür oft auch schon ein Gräser- und Hochstaudensaum.
Zielvegetation fördern – statt flächig pflegen
Dort, wo gemäht werden muss, sollte die Mahd auf die Zielvegetation ausgerichtet sein. Zwei Mahdgänge jährlich fördern eine artenreiche Wiesenvegetation – wertvolle Lebensräume für Insekten und Kleintiere. Wird nur einmal spät im Jahr gemäht, können sich Hochstaudenfluren etablieren, die Strukturvielfalt, Artenschutz und Beschattung gleichermaßen ermöglichen. Die Entwicklung von Gehölzen erfordert meist deren gezielte Ansiedlung durch Pflanzung oder Einbau entsprechender ingenieurbiologischer Bauweisen.
Eine vollständige Mahd der gesamten Uferstrecke sollte grundsätzlich vermieden werden. Stattdessen ist ein abschnittsweises Vorgehen zu wählen: Dabei wird nur ein Teil der Ufervegetation gemäht, während benachbarte Abschnitte zunächst unberührt bleiben. Die Länge der Mahdabschnitte soll sich dabei am 5- bis 15-fachen der mittleren Gewässerbettbreite orientieren. Die übrigen Streckenabschnitte verbleiben als Rückzugsräume und Lebensstätten für Kleintiere und ermöglichen die Weiterentwicklung standorttypischer Vegetationsstrukturen. Das Mahdmuster ist dabei an die örtlichen Gegebenheiten anzupassen.
Schonende Umsetzung – Technik, Timing und Taktik
Die ökologische Wirkung der Mahd steht und fällt mit ihrer technischen und zeitlichen Ausführung:
Mahdzeitpunkt: Frühester erster Schnitt ab Mitte Juni, ideal Mitte Juli – so wird die Blüten- und Samenbildung gewährleistet. Der Abstand zwischen erstem und zweitem Schnitt sollte mindestens acht Wochen betragen. Bei Hochstauden genügt eine späte Mahd nach der Samenreife.
Schnitthöhe und Mahdmuster: Nicht tiefer als 10 cm schneiden – bodennahe Tiere wie Käfer und Spinnen bleiben so besser geschützt. Ein versetztes Mahdmuster entlang des Ufers fördert Strukturvielfalt.
Technik: Der Einsatz von Balkenmähern ist rotierenden Mähwerken vorzuziehen – es treten deutlich geringere Tötungsraten bei Insekten und Amphibien auf. In sensiblen Abschnitten sind handgeführte Geräte sinnvoll.
Wasserwechselzone schützen: Der Aufwuchs in den ersten 20–40 cm oberhalb der Mittelwasserlinie sollte stehen bleiben – als Rückzugsraum, Fischunterstand und Lebensraumstruktur.
Schnittgutmanagement: Mähgut ist oberhalb der Böschung auszubreiten, nicht im Uferbereich. Es bleibt ein bis zwei Tage zum Abtrocknen liegen – für Kleintiere zum Flüchten und zur Samenreife – und wird dann entfernt. Achtung: Lagerung auf der Böschung kann bei Hochwasser zum Abtransport und Ablagerung vor Brücken, Durchlässen o.ä. führen.
Abstimmung mit Flächeneigentümern: Für den Maschineneinsatz ist in der Regel die Befahrbarkeit der Randstreifen notwendig. Grundsätzlich ist der Unterhaltungspflichtige berechtigt, nach vorheriger Ankündigung die erforderlichen Flächen zur Durchführung der Gewässerunterhaltung zu betreten, auch wenn es sich dabei nicht um Grundstücke in seinem Eigentum handelt. Rechtzeitige Absprachen mit Eigentümern und Pächtern sichern einen reibungslosen Ablauf.
Fazit: Weniger ist mehr – gezielt statt pauschal
Die Ufermahd sollte kein Automatismus sein, sondern das Ergebnis einer bewussten Abwägung. Wo der Wasserabfluss es zulässt, sollte sie auf das notwendige Maß reduziert und ggf. unterlassen werden. Wo sie nötig ist, muss sie ökologisch optimiert durchgeführt werden. Für Gewässerunterhaltungspflichtige heißt das: sorgfältig planen, differenzieren und Verantwortung zeigen – im Sinne eines nachhaltigen Hochwasserschutzes und einer vielfältigen Gewässerlandschaft.
Für die Organisation und fachgerechte Durchführung der Ufermahd können digitale Werkzeuge wie PROGEMIS® eine wertvolle Unterstützung bieten. Die Software enthält nicht nur vollständige Durchführungsanleitungen für abschnittsweises Mähen, sondern ermöglicht auch die konkrete, lagebezogene Planung der Maßnahmen mit Angabe des Ausführungszeitraums. Damit werden fachliche Anforderungen praxistauglich umgesetzt – effizient, rechtssicher und ökologisch fundiert.
In voll besonnten Gewässern entwickelt sich auf Grund der ausgesprochen günstigen Nähstoff- und Feuchtigkeitsverhältnisse ein dichter Aufwuchs an Gräsern, Kräutern oder Hochstauden. Die Aufwendungen für eine Mahd von Sohle und / oder Ufer sind entsprechend arbeitsintensiv. Da stellt sich die Frage, wie kann man damit möglichst effizient umgehen?Die manuelle Mahd und Beräumung des Uferbewuchses entspricht grundsätzlich zwar einer schonenden Vorgehensweise. Allerdings wurde in diesem Fall versäumt, abschnittsweise vorzugehen und Rückzugsbereiche für die Kleintiere und Insekten insbesondere entlang der Mittelwasserlinie stehen zu lassen.Schematische Darstellung eines Mahdmusters für ein schonendes abschnittsweises Vorgehen bei der Mahd: Bei der wechselseitigen Mahd wechseln sich auf der gleichen Uferseite gemähte und nicht gemähte Bereiche ab.Beispiel für eine schonende Ufermahd: Die Ufer wurden gemäht, Gräser und Hochstauden entlang der Mittelwasserlinie aber stehen gelassen. Damit wird die wasserführende Zone weiterhin beschattet und Kleintiere und Insekten haben Rückzugsmöglichkeiten in Hitze- und Trockenphasen.Die Mahd mit einem Mähkorb als Auslegersystem an einem Traktor bietet sich an, wenn das Gewässervorland befahrbar ist. Auch bei maschineller Mahd sollte abschnittsweise vorgegangen und Rückzugsbereiche erhalten werden.Die Mahd mit der Motorsense ist eher für die kleinräumige Mahd und schwer zugängliche Böschungsbereiche geeignet.Die Ufermahd mit Balkenmähern ermöglicht den Kleintieren in der Uferkrautflur rechtzeitig zu flüchten. Balkenmäher dienen einer schonenden Umsetzung der Mahd. Schlegel- und Rotationsmäher verursachen beim Mähen ein hohes Maß an Tötungen bei den Arten, die sich gerade in der Krautflur aufhalten. Um dem entgegenzuwirken, entwickeln die Anbieter auch ökologisch optimierte Mähgeräte wie diesen Schlegelmäher. Die variierende Rollenbreite ermöglicht Kleinlebewesen die Flucht aus dem Maschinenbereich.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Facebook. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Instagram. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.